"24h Berlin" ist ein bisschen wie visuelles Twittern

Gegen 7 Uhr schaute ich mal bei arte rein, damit ich einen Eindruck dieses Mamutprojektes bekam:

24h Berlin.

Naja ... Berlin war noch nie meine Stadt. Aber mal kurz schauen bevor ich zur Generalprobe musste, konnte ich ja.

Da stand ein altes Ehepaar in seinem Wohnzimmer und machte Frühsport. Er im klassischen weißen Unterhemd und sie im Morgenmantel und während sie sich da rhytmisch bewegen und etwas für ihre Fitness und Gesundheit tun, während ich frühstücke, schweifen meine Gedanken ab und ich sehe meine Oma vor mir, die auch immer mit Begeisterung vor dem Fernseher mitturnte.

Es ist später nachmittag, als ich wieder einschalte eher aus Langeweile und dann wirklich bis 1 Uhr nicht mehr wegschaue.

Zeitlich sehr komprimiert schaue ich den verschiedensten Menschen in den verschiedensten Situationen zu und genieße meine freie Entscheidung zuzuschauen, wenn mich etwas fesselt und kurz was anderes zu machen, wenn mich jemand langweilt.

Kurze Einblicke visueller Natur, ähnlich dem Twittern.

Ich followe und entfollowe im Laufe meines Fernsehabends.
Als Follower geben mir Menschen ebenfalls kurze Einblicke in ihr Leben und ihre Persönlichkeit.

Zum Beispiel:
  • Der eine tweetet mir seine Lieblingsmusik, die ich auch ganz gut finde und deshalb followe ich ihm, immer auf der Suche nach einem neuen Hit für mich persönlich.
  • Der nächste ist ein TV Star und ich möchte seine nächste Sendung nicht verpassen, also folge ich ihm, damit ich das Neueste immer mitbekomme.
  • Ein weiterer liefert sich einen ständigen Schlagabtausch mit einem anderen Twitterer und ich liebe die schnellen Wortgefechte.
  • Noch einer twittert über seinen Alltag als Antiquar und es interessiert mich, weil ich mir bisher noch nie Gedanken über das Leben eines Antiquars gemacht habe.
  • Mein "Hallo Wach" Radio-Moderator versorgt mich mit lokalen News die mich interessieren.
  • Dann gibt es noch den Bergfan, der seine Bergtouren beschreibt und fotografiert und in mir die Hoffnung nährt, schon bald so fit zu sein, dass ich das auch mal kann.
  • Und dann ist da noch die große Organisation, die immer die neuesten Infos zu Lebensmittelskandalen twittert, was mir ein großes Anliegen ist darüber informiert zu sein.

Gestern bei 24 Berlin fühlte ich mich genauso:
  • Kurz sah ich die Suffis auf ihrem Weg Gott näher zu kommen.
  • Sah den CSU Politiker Guttenberg, wie er neben dem Brandenburger Tor stand und der ZDF Reporter seinen Namen nicht aussprechen konnte.
  • Bekam die Love Suite eines Clubs zu sehen.
  • Folgte Gloria Viagra auf der Suche nach ihrem BH für den Auftritt.
  • Lernte Leslie Bomba kennen, deren Name Programm schien, die aber in ihrer frischen Verliebtheit so süß war.
  • Hörte Anne Wenzel bei der Diskussion mit ihrer Mutter zu, wie man der Familie wohl beibringt, dass sie lesbisch ist.
  • Versuchte die geistigen Ergüsse des Rapper Alis zu durchschauen.
  • Lernte den DJ R.Villalogos bei seiner Arbeit kennen (schon wieder ein mir neuer Beruf über den ich mir noch nie Gedanken gemacht habe)
  • Verfolgte einen verurteilten Mörder in seiner Zelle und vieles mehr.

Ich folgte oder folgte eben auch nicht.
Es war schnell, wie Twitter eben kurz ist.
Ich kam mit Dingen in Berührung, die mich bisher noch nicht beschäftigt haben.
Gleichberechtigt schaue ich mir Nacktyoga, Wowereit auf einem SPD Grillabend, Oma Kasulke beim Gurken schneiden und Martha beimEinschlafen zu während sie davon träumt einmal studieren zu dürfen.

Mich hat diese Dokumentation wirklich fasziniert.
Liebe arte-Redakteure: ich möchte den Film in 40 Jahren, wenn ich 80 werde noch einmal sehen. Bitte wiederholen! Wieviele Guttenbergs sind dann schon an mir vorbeigezogen? Werde ich selber meine Gurken alleine abends in der Wohnung schneiden? Oder warte ich im Hospiz auf meinen Tod? Oder bringe ich die Enkelkinder ins Bett? Wie wird sich Musik verändert haben? Werde ich Nacktyoga machen oder gar frisch verliebt sein?

Ein langer Fernsehabend den ich nicht bereut habe und folgender Satz ist mir noch im Kopf:
"Es wird ein guter Tag zu leben".